Emilia Neumann

HARTSUBSTRAT

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Felsen, Korallen, Muscheln – vielerlei Assoziationen werden durch Emilia Neumanns farbige Skulpturen geweckt. Das „Hartsubstrat“ bezeichnet dabei diese Gruppe natürlicher Nährböden und ist gleichzeitig titelgebend für die Ausstellung.

In ihrer gleichnamigen Arbeit spielen Wachstum, fließende Bewegungen und materielle sowie farbliche Strukturen eine bedeutende Rolle. Gefühlt in der Schwebe windet sich die rahmenartige Arbeit, die mit Gips von einer bearbeiteten Teichform abgegossen wurde, im Raum. Im Verlauf des künstlerischen Prozesses mit Pigmenten und Acrylfarbe in fleischigen Tönen versetzt, wechseln sich konturreiche, gestische Farbspritzer mit verlaufenen und verwaschenen Farbfeldern ab und schaffen so eine bewegte Oberfläche. Auf Hochglanz poliert, reflektiert das Objekt seine Umwelt und lässt das Material in einem neuen hochwertigen Glanz erscheinen. Radikal gebrochen wird diese Erscheinung durch eine gezielt platzierte Aushöhlung der Arbeit: wie zersetzte Gesteine wirken die bewusst hervorgerufenen Einbuchtungen. Gleichzeitig wird uns die unbearbeitete Unterseite präsentiert. Glanz und gebrochene Strukturen stehen somit nebeneinander und zeigen die Wandelbarkeit und Bearbeitung, aber auch die partielle Unkontrollierbarkeit des Materials. Die Stellen, an denen die Arbeit mit dem Boden in Berührung tritt sind durch Risse gekennzeichnet. Die scheinbar fragilste Stelle droht somit unter der Last des Materials auseinander zu brechen. In der Schwebe zwischen Ganzheit und Verfall, Kontur und Auflösung, Bewegung und Starrheit des vermeintlich natürlichen „Hartsubstrats“, ist die Rezeption der körpergroßen Arbeit offen angelegt für eigene Zugänge.

Vielmehr durch ein serielles Wachstum zeichnet sich die Arbeit „o.T.(endogene)“ aus. Zusammengesetzte Teile vom Schrottplatz bilden ihren Ursprung. Mithilfe einer flexiblen Silikonform, deren Konturen und Gestalt im Zuge der Herstellung des jeweiligen Objektes abgewandelt werden, entsteht die Serie aus Gips. Von Objekt zu Objekt zeigen die Arbeiten eine Entwicklung, die sowohl buchstückhaft als auch in sich geschlossen ist. Die Ursprungsform ist nicht mehr auszumachen, stattdessen entsteht etwas Neues, das zuvor in dieser Art nicht existiert hat. Durch die potentiell ins Unendliche führende Transformation entstehen Objekte, die jeglichem Bekannten entsagen und damit unsere individuellen Zuschreibungen und Verbindungen reizen und hinterfragen. Die Objekte referieren dabei zugleich auf Ursprung und Wachstum aber auch auf seine Zersetzung: Sind es Teile eines ehemals Ganzen oder Ursprung für etwas Neues? Damit changieren sie zwischen einer abstrakten Ganzheit und seiner Zerteilung; zwischen Fragmenthaftigkeit und der Überführung in ein autonomes Objekt.Die Arbeiten von Emilia Neumann zeigen eine spannungsreiche Vielfalt. Durch die Verwendung und Verarbeitung industrieller Formen und deren Umwandlung zum originären künstlerischen Objekt, erschaffen ihre Arbeiten nicht nur durch ihre farbliche und materielle Struktur den künstlerischen Nährboden und damit das Substrat für subjektive Zuschreibungen, sondern fordern ebenso eine wechselseitige Auseinandersetzung mit Original und Abdruck, Bewegung und Starrheit, Oberfläche und Tiefe und nicht zuletzt Fragment und Ganzem. Es bleibt dem/ der Betrachter/in überlassen, seine subjektiven Zuschreibungen im Spannungsfeld zwischen (freier) Norm und (gefertigter) Natur zu entfalten.

Christin Müller 2016

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Cliffs, coral, sea shells – Emilia Neumann’s colorful sculptures awaken miscellaneous associations. The hard substrate (in German „Hartsubstrat“) refers to this group of natural breeding grounds and is also the title of the exhibition.
In her eponymous work are growth, liquid movements and material as well as colour structure, playing a significant role. This frame-like work that is winding in the room and seems to hover, was cast from a transformed pond liner in plaster. It is obtained during the artistic process by mixing pigments and acrylic paint with flesh-like tones, richly contoured and gestural paint splatters alternate with blurred and washed out colour fields and thus create an eventful and tormented surface. As it is polished until it glimmers, the object reflects its environment and reveals the material in a new high quality lustre. This sight is abruptly cut short by the hollowed out and purposefully placed edge which seems to be decomposed rock. Thus, we are being shown the unprocessed underside. Gloss and broken structures are put side by side and show the uncertainty and the manufacturing, but also the partial uncontrollability of the material. The points of the work touching the ground are showing cracks. The apparently most fragile point seems to be about to break under the weight of the material. Suspended between wholeness and decay, contour and dissolution, movement and stiffness of the assumed natural „hard substrate“, the interpretation of this human-sized work is open for individual approaches.

The work „o.T. (endogene)“ distinguishes itself more through its development as a series. It begins with the combination of objects from the junkyard. Thanks to a flexible silicone cast, which contours and shape are being modificated during the creative process, this plaster series comes to life. From work to work, this series shows an evolution which is both fragmented and self-contained. The original shape can’t be recognized anymore. Something new appears instead, which never existed in this way before. Through this transformation, which potentially can be endlessly proceeded, objects are being created that abnegate any kind of known forms and therefore question and challenge our individual appreciations and associations. These objects suggest origin and growth as well as decay: are they parts of a former wholeness or the beginning of something new? They are thereby oscillating between an abstract wholeness and its fragmentation; between their fragmentary nature and their conversion into an autonomous object.

Emilia Neumann’s works present a tense diversity. By using and processing industrial forms and turning them into an original piece of art, her works create an artistic breeding ground thanks to their colorful and material structure and thus they create the substrate for subjective appreciation, but they also require a reciprocal debate between original and imprint, movement and rigidity, surface and depth as well as fragment and wholeness. The spectator’s subjective interpretations can soar in the field of tension between (free) norm and (manufactured) nature.
translation Magali Louvel